INTERVIEW MIT LEYSAN

Leysan war zu Gast bei uns in der Bibliothek Totschka. Sie hat einen einzigartigen tatarischen Kinderclub in Berlin aufgebaut und organisiert außerdem tatarische Konzerte, Theaterstücke und andere kulturelle Projekte.

Vor zwanzig Jahren kam sie fast zufällig nach Deutschland – über ein Sprachprogramm, für das sie sich zusammen mit einer Freundin beworben hatte. Damals wollte sie nicht lange bleiben. Aber das Leben hatte andere Pläne: Studium, Arbeit, Familie, die Geburt ihres Sohnes – Deutschland wurde zu ihrem neuen Zuhause.

Gerade hier, weit weg von Tatarstan, hat Leysan die tatarische Identität für sich neu entdeckt. Der Wunsch, die Muttersprache für ihren Sohn zu bewahren, führte sie dazu, eine Gemeinschaft von Familien zu gründen, deren Kinder mit einer Verbindung zu ihrer Kultur aufwachsen sollen.

In diesem Interview erzählt Leysan, wie Migration das Verhältnis zu den eigenen Wurzeln verändert, warum eine Sprache ohne Gemeinschaft nicht zu bewahren ist, was Tataren verbindet, die weit weg von zu Hause leben, und wie aus einer persönlichen Geschichte ein großes Projekt für andere Menschen werden kann.

MAMA, ICH BIN KEIN TATARE

„Als Mädchen aus einem kleinen Dorf hätte ich nie gedacht, dass ich mal hierherkomme. Vor Berlin war ich noch nie im Ausland“ – wenn Leysan an die Ereignisse von vor zwanzig Jahren zurückdenkt, scheint sie selbst noch überrascht zu sein, wie sich ihr Leben entwickelt hat.

Nach dem Sprachprogramm begann sie einen Masterstudiengang an der Universität Potsdam und schon bald folgte ein Jobangebot nach dem anderen. Leysan arbeitete sogar eine Zeit lang in einem Ministerium. „Meine Mutter hat immer gesagt: Komm zurück, komm zurück. Wir warten alle auf dich hier.“ Aber ich fand es spannend hier. Ich war jung, hatte hier so viele Möglichkeiten“, erinnert sich Leysan. „Dann habe ich meinen Mann kennengelernt, geheiratet, unser Sohn kam zur Welt – und so bin ich hier gelandet. Mein Mann ist Deutscher, und … meine Mutter wartet bis heute.“

„Als mein Sohn sieben war, sagte er zu mir: ‚Mama, ich bin kein Tatare.‘“ Heute erzählt Leysan das mit einem Lächeln, aber damals wusste sie nicht, was sie tun sollte.

Zuerst sprach sie mit ihrem Sohn nur Tatarisch. „Im Kindergarten sagte er viele Wörter auch auf Tatarisch – die Erzieherinnen verstanden ihn deshalb nicht immer. Wenn sie z. B. gewusst hätten, dass er mit ‚Әni, әni‘ (tatarisch für Mama) ‚Mama, Mama‘ meint, hätten sie ihn trösten können.

Einmal kam er zu mir und fragte: ‚Әni, warum haben alle Kinder eine Mama, nur ich nicht?‘ Ich sagte: ‚Wie? Natürlich hast du eine Mama. Das bin ich!‘ – ‚Nein, du bist eine Әni, aber keine Mama.‘ Ich sagte: ‚Әni ist doch Mama, mein Schatz!‘“

So langsam fing dann Leysan an, mit ihrem Sohn auf Deutsch zu sprechen. Und ohne dass sie es bemerkte, verlor er den Bezug zu seinen Wurzeln.

„Einmal, als er sieben war, sagte ich zu ihm in einem Gespräch: ‚Du bist doch ein Tatare‘, und er antwortete: ‚Nein, ich bin kein Tatare.‘ Ich sagte: ‚Wie? Natürlich bist du ein Tatare!‘ ‚Nein, ich bin kein Tatare, ich bin ein Deutscher. Und ich will kein Tatare sein.‘“ Das brach mir das Herz.

Die Mutter führt diese Ablehnung nicht nur auf die Sprache zurück, sondern auch darauf, dass er in den letzten Jahren nur noch selten in Tatarstan war und kaum mit der tatarischen Kultur in Berührung kam.

„Da habe ich beschlossen, dass sich etwas in seinem Selbstverständnis ändern muss – er sollte spüren, dass ein tatarischer Teil in ihm steckt. Mir war klar, dass ich das allein nicht schaffen würde. Ich musste eine Gemeinschaft tatarischer Kinder aufbauen.“

TATARSTAN – SO ETWAS WIE BAYERN?

Vor der Gründung des Clubs suchte Leysan gar nicht gezielt nach tatarischen Kontakten. Ihre Freunde kamen schon immer aus ganz unterschiedlichen Ländern: Deutsche, Russen, Kasachen, Spanier, Japaner, Brasilianer … Menschen aus aller Welt eben. Sie wollte nie nur innerhalb einer tatarischen Community leben. Aber als es um ihren Sohn ging, merkte sie: Die einzige Tatarin in seinem Umfeld zu sein, reicht nicht aus.

„Ich wollte, dass er merkt: Es gibt andere Kinder mit tatarischen Namen, Kinder, die Tatarisch sprechen.“ Also fand Leysan eine Telegram-Gruppe für Tataren in Deutschland und fragte einfach, ob Interesse an Kindertreffen bestehe.

„Die Resonanz war sehr groß. Ich glaube, das war ein wunder Punkt. Bis dahin hatte niemand etwas für Kinder auf Tatarisch in Deutschland aufgebaut.“ Leysan betont: Für Erwachsene gab es schon viel – Konzerte, Vorträge, Gedenkabende, Treffen. Für Kinder dagegen fast nichts. Das erste Treffen fand genau bei uns in der Bibliothek Totschka statt, organisiert von Leysan und einer Kollegin. Etwa fünfzehn Kinder kamen. Und sofort war klar, wie sehr das gefehlt hatte.

„Am Ende haben nicht nur die Kinder zueinander gefunden – auch die Eltern. Wegen des Kindes kommt man hin, ob man will oder nicht, und kommt mit anderen Eltern, anderen Tataren ins Gespräch. Im Klub sind viele Freundschaften auch zwischen den Eltern entstanden. Ich weiß, dass sie zusammen ins Café gehen, in die Sauna, gemeinsam Feste feiern etc.“

Bei den Treffen spielen die Kinder alte tatarische Spiele, singen Lieder, bereiten traditionelle tatarische Gerichte zu, lesen Märchen und lernen Figuren der tatarischen Kultur kennen. Danach spielen sie kleine Szenen aus den Märchen nach – mal ist jemand Şüräle, mal Su Anası, mal eine andere Märchenfigur.

Als Leysan noch in Tatarstan lebte, hat sie nie unterschieden, wer Tatare und wer Russe ist. Erst nach dem Umzug nach Deutschland wurde es ihr wichtig zu erklären: Ich komme aus Russland, aber ich bin keine Russin, ich bin Tatarin.

„Ich glaube, das erwacht bei vielen erst nach dem Umzug. Man fängt an, es den Leuten zu erklären, zu beweisen, dass Russen und Tataren zwei völlig verschiedene Nationalitäten sind. Manche sagen: ‚Ach, dann ist Tatarstan wohl so etwas wie Bayern bei euch.‘ Nein – Bayern, das sind Deutsche, die Deutsch sprechen, nur mit einem etwas anderen Dialekt. Tataren dagegen sind etwas ganz anderes.“

Wenn man Tatarstan nicht mit Bayern vergleicht, sagt Leysan, dann verwechselt man es mit Kasachstan – dann muss sie eine kleine Geographiestunde geben. Gleichzeitig gibt sie zu: Eine klare Antwort darauf, was es bedeutet, Tatare zu sein, gibt es nicht. Innerhalb der Community wird selbst diskutiert – muss man die Sprache sprechen, oder reicht schon die Herkunft eines Elternteils, um als „echter“ Tatare zu gelten?

EIN KULTURSPIEL, BEI DEM MAN HUNGRIG BLEIBEN KANN

Neben der Sprache verbinden Tataren auch gemeinsame Werte und Charaktereigenschaften, ist Leysan überzeugt. Deshalb wünscht sie sich, dass ihr Sohn von der tatarischen Kultur Eigenschaften wie Emotionalität, Entschlossenheit, Durchsetzungskraft und Mut übernimmt. Und nach kurzem Nachdenken fügt sie hinzu: „Gastfreundschaft. Natürlich, Gastfreundschaft!“

„Der Tisch muss sich biegen“, sagt Leysan. „Kommt ein Gast, darf möglichst wenig freie Fläche auf dem Tisch bleiben. Sonst gilt man als überhaupt nicht gastfreundlich.“ Mehr noch: In der tatarischen Kultur ist es üblich, jemanden zum Essen zu überreden, selbst wenn er schon abgelehnt hat. Eine Art Höflichkeitsspiel.

„Dafür gibt es sogar ein eigenes Wort – kıstarğa“, lacht Leysan (etwa: jemanden liebevoll zum Essen drängen).

Aber dieses Spiel versteht längst nicht jeder. Das wurde ihr schon in der ersten Woche nach ihrer Ankunft in Deutschland klar. Als die Gastfamilie, bei der sie wohnte, sie zum Abendessen einlud, lehnte Leysan höflich ab – so, wie man es zu Hause macht: nicht als echte Absage, sondern als Geste, der eigentlich eine erneute Einladung folgen sollte. Die Gastgeberin aber sagte nur: „Okay.“

„Danach war es mir unangenehm zu sagen: ‚Nein, ich hab’s mir doch anders überlegt.‘ Ich habe an dem Tag gar nicht zu Abend gegessen, weil ich abgelehnt hatte. Ich hatte im Gegenteil erwartet, dass man mich überredet“, erinnert sich Leysan. Was zu Hause ein vertrautes Spiel war, wurde hier zum Missverständnis – einfach weil die Regeln andere waren.

Auch die Sprache ist so ein Code, der sich nicht immer übersetzen lässt. Im Tatarischen gibt es Wörter, die sich weder ins Russische noch ins Deutsche übertragen lassen. Leysan nennt zwei ihrer liebsten Beispiele.

Das erste: „moñ“. Keine Melodie im eigentlichen Sinn, auch wenn das Wort mit Musik und Klang zu tun hat. „Es ist eine Art singende Melancholie“, erklärt sie. „Vielleicht eine helle Traurigkeit. Etwas, das einen tief berührt.“ Bei der Arbeit an einem tatarischen Theaterstück überlegte Leysan lange, ob sie das Wort überhaupt übersetzen sollte – am Ende ließ sie es so stehen, wie es ist.

Das zweite Wort: „tız-bız“. Es beschreibt Trubel – wenn alles schnell, chaotisch, hin und her rennt. „Das ist eher eine Situationsbeschreibung“, lacht sie. „Tız-bız yöri – er oder sie läuft hin und her, ganz aufgeregt, so wie ich sehr oft“.

UM DIE VERBINDUNG NICHT ZU VERLIEREN, MUSS MAN LIEDER SINGEN

Die helle Traurigkeit, die die tatarische Sprache so genau benennen kann, durchzieht auch die tatarische Musik. Auf die Frage, warum die Sehnsucht nach der Heimat zum Leitmotiv so vieler Volkslieder wurde, antwortet Leysan nicht sofort.

„Für die Tataren waren Heimat und Familie schon immer von zentraler Bedeutung“, sagt sie. „Und die meisten Lieder handeln eben vom Heimatdorf, vom Fenster des Elternhauses, von den Wiesen und Wäldern der Heimat, von Mama …“

„Vielleicht“, sagt Leysan, „sind auch viele dieser Lieder entstanden, als Tataren ihre Heimat verließen und in andere Orte, manchmal sogar in andere Länder, zogen.“

Man glaubt es kaum, aber die ersten Aufnahmen der tatarischen Lieder wurden in Deutschland aufgenommen: In Wünsdorf, südlich von Berlin, gab es während des Ersten Weltkriegs ein Lager für tatarische und baschkirische Kriegsgefangene aus Russland. Genau dort machten Deutsche die ersten Aufnahmen tatarischer Musik – einfach weil die Sprache sie faszinierte. Diese Aufnahmen liegen bis heute in Berliner Archiven.

Die Lieder, so Leysan, waren ein Weg, sich selbst nicht zu verlieren, sich an einem fremden Ort nicht aufzulösen und die Muttersprache nicht aufzugeben. „Die Menschen zogen weg und sehnten sich nach der Heimat, und um sich irgendwie zu verbinden, um die Sprache nicht zu verlieren, haben sie Lieder geschrieben und gesungen“, erklärt sie.

Ein ähnliches verbindendes Element ist die Folklore. Gibt es tatarische Märchen, die alle kennen – so wie deutsche Kinder Hänsel und Gretel kennen? Leysan antwortet ohne zu zögern: Şüräle und Su Anası. Su Anası – eine Wasserfrau oder eher die Mutter des Wassers, die manchmal mit einer Meerjungfrau verglichen wird, was aber nicht ganz stimmt.

„Das ist keine Meerjungfrau, nein“, stellt Leysan klar. „Das ist eine Frau, die Gewässer schützt, die im Wasser lebt und trotzdem Beine hat. Im Märchen jagt sie einem Jungen hinterher, der ihr den goldenen Kamm gestohlen hat.“ Diese beiden Figuren kennen Kinder von klein auf – egal, wo sie aufwachsen.

Nicht immer allerdings. Leysan erinnert sich an eine tatarische Familie, deren Tochter bereits in Berlin geboren wurde und noch nie von Su Anası gehört hatte. Beim Sabantuy (tatarisches Volksfest) schenkte Leysan ihr einen goldenen Kamm – und die Geschichte fand endlich ihre Zuhörerin.

FRAGEN VON JUNGEN LESER*INNEN DER „TOTSCHKA“

Wir haben unsere jungen Followerinnen und Bibliotheksbesucherinnen gebeten, Leysan ihre eigenen Fragen zu stellen. Was wollten sie von jemandem wissen, der selbst Migration erlebt, in einem fremden Land ein neues Leben begonnen und dabei die eigene Kultur bewahrt hat?

Hat sich der Umzug gelohnt?

„Oh, gute Frage. Da zieht sich gleich was zusammen“ – Leysan zeigt auf ihr Herz. „Trotzdem, ich glaube, es hat sich gelohnt. Ich habe für mich viele neue Möglichkeiten entdeckt, mich selbst anders kennengelernt. Wäre ich in Tatarstan geblieben, weiß ich nicht, was ich dort gemacht hätte.“

Gab es in deinem Leben auch Niederlagen?

„Bevor mein Sohn geboren wurde, habe ich in einer Firma gearbeitet. Ich saß im Büro und merkte, dass mich diese Arbeit nicht mehr erfüllt – ich wollte etwas mit Sinn machen. Klar, es gab Dienstreisen, Fünf-Sterne-Hotels – einen guten, angesehenen Job.

Aber ich habe gemerkt, wie ich dabei immer mehr in mir zusammenfalle. Innere Erfüllung gab es überhaupt nicht. Nach der Elternzeit habe ich mich entschieden, nicht zurückzugehen – und bin woanders eingestiegen, und später habe ich mein eigenes Projekt gestartet.“

Woher nimmst du deine Motivation?

„Ich mache das in erster Linie für meinen Sohn. Er war der wichtigste Anstoß dafür, dass ich mich Kinderprojekten widme, und bis heute ist er meine größte Motivation. Aber natürlich sind auch die anderen Kinder wichtig. Und ich freue mich über Rückmeldung von den Eltern – sei es Hilfe oder einfach ein paar Worte: Danke, das war toll!“